Das Modell der Spiraldynamiken: Wie wir uns selbst und andere besser verstehen
Vorwort
Im Berufsleben, aber auch im Privatleben, haben wir oft das Gefühl: „Wir reden völlig aneinander vorbei.“
Vor einigen Wochen hatte ich das Privileg, im Rahmen des ersten Moduls des „FutureLeader“ Coaching von Astrid Müller das Modell der Spiraldynamiken kennenzulernen. Dieses Modell hilft mir seither, berufliche wie private Situationen ganz neu einzuordnen. Aus meiner Sicht ist es ein wertvolles Werkzeug für die Führungskräfte der Zukunft.
Der Name dieser Webseite – leadingwithteal – bezieht sich auf die höchste Farbstufe Türkis („Teal“) der Spirale. Diese Ebene zu erreichen, ist nur mit viel innerer Arbeit möglich – und selbst dann gelingt es meist nur in einzelnen, besonderen Momenten. Einen inspirierenden Einblick, wie Organisationen bereits heute Ansätze dieser Stufe leben können, liefert das Buch „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux, das sich zudem kosten- und frei wählbar („pay-what-feels-right“) HIER herunterladen lässt.
Noch ein wichtiger Hinweis vorweg: Modelle sind immer Vereinfachungen. Sie helfen uns, die Komplexität der Welt zu strukturieren und dadurch handlungsfähiger zu werden. Sie bilden niemals die vollständige Realität ab. Deshalb sollten wir das Modell der Spiraldynamiken immer als Werkzeug betrachten – nicht als exakte Beschreibung der Wirklichkeit.
Ein Beispiel aus dem Berufsleben
Anna ist Projektleiterin und möchte unbedingt ein neues Gerät bestellen, damit es möglichst zügig vorangeht. Bernd aus der Compliance-Abteilung prüft die Bestellung und stellt sich quer. Er pocht darauf, dass zuerst geprüft werden müsse, ob die Bestellung die gängigen Regeln nicht verletzt.
Anna denkt sich: „Warum ist Bernd so auf Regeln bedacht? Wir müssen schnell vorankommen. Wenn nicht, geht das Projekt den Bach runter!“
Bernd wiederum versteht nicht, warum Anna einfach so ein Gerät bestellen will – wo es doch vielleicht gar nicht sicher, umweltfreundlich oder zertifiziert ist.
Wer hat recht? – Beide. Mit einem Unterschied: Bernd kann sich nicht in Anna hineinversetzen, Anna aber sehr wohl in Bernd.
Ein Beispiel aus dem Privatleben
Auch im Privaten zeigt sich dieses Muster. Lisa will spontan übers Wochenende ans Meer fahren: „Lass uns einfach losfahren, das wird super!“
Ihr Partner Markus bremst sofort: „Moment – wir haben gar nichts geplant. Wer kümmert sich um den Hund? Und wenn wir kein Hotel finden?“
Lisa denkt: „Warum macht Markus so ein Drama? Ein bisschen Abenteuer macht das Leben doch spannend.“
Markus denkt: „Wie kann Lisa nur so leichtsinnig sein? Ordnung und Planung sind wichtig, sonst endet das im Chaos.“
Auch hier: zwei unterschiedliche Denkweisen, beide berechtigt – aber ohne Verständnis füreinander entsteht schnell Streit.
Erklärung durch die Spiraldynamiken
Das Modell der Spiraldynamiken erklärt diese Unterschiede.
- Bernd und Markus bewegen sich auf der blau-traditionellen Ebene. Hier sind Regeln, Gesetze und Hierarchien maßgeblich. Sicherheit und Ordnung stehen an erster Stelle.
- Anna und Lisa handeln auf der orange-modernen Ebene. Dort zählen vor allem Leistung, Fortschritt und Erfolg – oder im Privaten: Freiheit, Spontanität und „es einfach machen“.
Das Problem: Wer sich auf einer Ebene befindet, versteht die Logik der höheren Ebene noch nicht. Andersherum können Menschen, die eine Ebene bereits durchlaufen haben, durchaus nachvollziehen, wie man dort „tickt“.
Die Lösung liegt im Hinuntersteigen
In unserem Beispiel heißt das:
- Bernd versteht Annas orangene Sichtweise (noch) nicht.
- Anna aber hat die blaue Stufe bereits hinter sich und weiß, dass Regeln wichtig sind – nur erkennt sie auch, dass man sie manchmal pragmatisch auslegen muss.
Damit es keinen Konflikt gibt, muss Anna Bernd auf seiner Ebene abholen. Sie kann z. B. argumentieren: „Ich verstehe deine Sorge. Lass uns die Sicherheitsprüfung parallel starten – und trotzdem das Gerät schon mal reservieren, damit wir im Zeitplan bleiben.“
Das ist nicht leicht. Denn: Menschen auf der orangenen Stufe tun sich oft schwer, bewusst „nach unten“ zu wechseln. Diese Fähigkeit ist vor allem höheren Ebenen vorbehalten – der gelb-integralen und der türkisen („Teal“) Stufe. Dort kann man flexibel je nach Situation handeln.

Die Farbebenen im Überblick
Beige – Archaisch
Auf dieser Ebene geht es ausschließlich ums nackte Überleben. Nahrung, Wärme, Schutz vor Gefahren. Ein Mensch in dieser Phase ist ganz auf seine Grundbedürfnisse reduziert.
- Im Beruf: praktisch irrelevant – außer in Extremsituationen (z. B. bei Katastropheneinsätzen oder in Krisengebieten).
- Im Privatleben: sichtbar bei Neugeborenen (Schreien, wenn Hunger oder Kälte droht) oder bei Menschen, die in Ausnahmezuständen leben (z. B. Krieg, Obdachlosigkeit, Naturkatastrophen).
Purpur – Stamm
Hier zählt vor allem Zugehörigkeit. Menschen finden Sicherheit in der Gruppe, im „Clan“. Traditionen, Rituale und gemeinschaftliche Symbole geben Halt. Man orientiert sich an Ahnen, Eltern, dem „Wir“.
- Im Beruf: Teams, die stark über Zugehörigkeit funktionieren („Wir hier in der Abteilung“, feste Rituale im Büro, Weihnachtsfeiern, Abteilungsinsider).
- Im Privatleben: Familienbräuche, kirchliche Rituale, Fußballvereine, Stammtische, Hochzeits- oder Beerdigungstraditionen.
Purpur vermittelt: „Ich gehöre dazu. Ich bin sicher, solange ich Teil der Gemeinschaft bin.“
Rot – Egozentrisch
Hier tritt das „Ich“ in den Vordergrund. Menschen auf dieser Ebene wollen sich durchsetzen – und zwar sofort. Macht, Stärke, Selbstbehauptung stehen im Mittelpunkt. Rücksichtnahme ist zweitrangig. Handeln ist oft impulsiv.
- Im Beruf: autoritäre Chefs, die „Basta-Entscheidungen“ treffen; Verkäufer, die mit Ellenbogenmethoden arbeiten; Konkurrenzkämpfe.
- Im Privatleben: ein trotziges Kind, das unbedingt sein Eis will; der Teenager, der Grenzen austestet; impulsives Verhalten in Beziehungen („Ich will das jetzt, egal was du sagst“).
Rot vermittelt: „Ich bin stark. Ich hole mir, was ich brauche.“
Blau – Traditionell
Auf der blauen Ebene zählen Regeln, Gesetze, Hierarchien und feste Werte. Sicherheit entsteht, wenn sich alle an diese Ordnung halten. Es gibt „richtig“ und „falsch“, „oben“ und „unten“. Disziplin, Pflichtbewusstsein und Treue sind zentrale Werte.
- Im Beruf: Behörden, Militär, Polizei, kirchliche Organisationen, aber auch klassische Unternehmen mit festen Hierarchien und klaren Prozessen.
- Im Privatleben: „So haben wir das immer gemacht“ in der Familie, klare Tagesabläufe, religiöse Regeln, feste Strukturen im Haushalt.
Blau vermittelt: „Die Welt ist sicher, wenn wir uns an die Ordnung halten.“
Orange – modern
Hier stehen Leistung, Effizienz und Erfolg im Mittelpunkt. Menschen auf der orangen Ebene wollen gewinnen, besser sein, sich durch Innovation und Fortschritt behaupten. Wissenschaftliches Denken, Rationalität und Wettbewerb sind die Leitprinzipien.
- Im Beruf: Start-ups, Banken, Unternehmensberatungen, Forschungsinstitute, Projektmanager:innen, die auf KPIs und Ziele fixiert sind.
- Im Privatleben: Karriereplanung, persönliche Weiterentwicklung, sportlicher Ehrgeiz, Lifestyle-Denken („Das neueste Auto, die beste Technik“).
Orange vermittelt: „Ich will vorankommen. Ich will das Beste erreichen.“
Grün – Postmodern
Die grüne Ebene stellt Gemeinschaft, Gleichberechtigung und Empathie in den Mittelpunkt. Hier sollen alle gehört werden, Konsens ist wichtiger als Wettbewerb. Nachhaltigkeit, Frieden und Gemeinwohl sind zentrale Werte.
- Im Beruf: NGOs, soziale Unternehmen, Projekte mit flachen Hierarchien und Teamentscheidungen, „New Work“-Konzepte.
- Im Privatleben: basisdemokratische WG-Strukturen, Achtsamkeitsgruppen, gemeinsame Entscheidungsprozesse in der Familie („Jede Stimme zählt“).
Grün vermittelt: „Alle Menschen sind gleichwertig. Nur gemeinsam schaffen wir es.“
Gelb – Integral
Auf der gelben Ebene werden alle vorherigen Ebenen integriert. Menschen hier verstehen, dass jede Stufe ihren Sinn hat. Sie sind flexibel, können bewusst zwischen den Ebenen wechseln und situationsgerecht handeln. Autonomie, Ganzheitlichkeit und Selbstverwirklichung im Dienste des größeren Ganzen prägen diese Stufe.
- Im Beruf: visionäre Unternehmer:innen, systemische Organisationsentwickler:innen, Führungskräfte, die je nach Situation mal streng, mal empathisch, mal leistungsorientiert agieren.
- Im Privatleben: Partner:innen, die erkennen, dass manchmal Struktur, manchmal Freiheit und manchmal Mitgefühl gefragt ist – und flexibel darauf reagieren.
Gelb vermittelt: „Alles hat seinen Platz. Ich nutze, was im Moment gebraucht wird.“
Türkis – Evolutionär („Teal“)
Die höchste bislang bekannte Stufe. Menschen auf dieser Ebene denken vollständig holistisch. Sie fühlen sich mit allem Leben verbunden, handeln aus einem transzendierten Ego heraus. Globale Verantwortung, Spiritualität und kollektives Bewusstsein prägen ihr Sein.
Im Privatleben: Menschen mit starkem spirituellen Bewusstsein, „Erleuchtete“, Bewegungen, die auf weltweite Verbundenheit setzen.
Türkis vermittelt: „Alles ist eins. Ich bin Teil des Ganzen.“
Im Beruf: ganzheitliche Bewegungen, Pioniere globaler Nachhaltigkeit, spirituell orientierte Organisationen.
Praktische Anwendung der Spiraldynamiken
Für Berufs- und Privatleben bedeutet das Modell der Spiraldynamiken praktisch:
- Rot: Mal sind Durchsetzen und klare Ansagen wichtig – ob im Job oder im Alltag.
- Blau: Mal braucht es Regeln, Ordnung und Planung, um Sicherheit zu schaffen.
- Orange: Mal zählt Tempo, Abenteuerlust und das Erzielen von Ergebnissen.
- Grün: Mal geht es um Empathie, Harmonie und Miteinander.
Gelb und Türkis verstehen, dass all diese Ebenen ihren Platz haben – und dass wahre Reife darin liegt, bewusst zwischen ihnen zu wechseln und im Einklang mit dem größeren Ganzen zu handeln. In der Praxis ist es jedoch kaum möglich, dauerhaft aus einer türkisfarbenen Haltung zu denken. Vielmehr geht es darum, solche Momente immer wieder bewusst zu erleben und Schritt für Schritt mehr Gelassenheit, Verbundenheit und Ganzheit in den Alltag zu bringen.
Wichtig ist zu verstehen:
- Es handelt sich nur um ein Modell. Die Realität ist immer komplexer.
- Die Ebenen sind nicht fix. Wir alle wechseln je nach Situation zwischen den Stufen.
- Keine Ebene ist besser als die andere. Jede hat ihre Berechtigung – je nach Kontext.
- Türkis zu denken ist in der Praxis meist nur in kurzen Momenten möglich. Dauerhaft gelingt das nur sehr wenigen – etwa spirituell weit entwickelten Menschen oder buddhistischen Meistern.
Fazit
Das Modell der Spiraldynamiken hilft, Missverständnisse zu vermeiden – ob im Büro oder zu Hause.
Es zeigt:
- Wir handeln aus unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseins.
- Konflikte entstehen oft nicht, weil jemand „falsch“ liegt, sondern weil wir die Logik des anderen nicht kennen.
- Wer die Spirale versteht, kann bewusster handeln – und andere dort abholen, wo sie gerade stehen.
Das Modell der Spiraldynamiken trainiert die Selbstreflexion. Wir erkennen, aus welcher Ebene heraus wir gerade denken und handeln. Bin ich im Moment starr regelorientiert (blau)? Dränge ich auf Leistung und Tempo (orange)? Oder suche ich eher Harmonie (grün)? Diese Bewusstheit ist der erste Schritt, um nicht automatisch zu reagieren, sondern bewusst zu wählen, wie ich auftrete.
Die nächsten Teile dieser Blogreihe widmen sich der Frage, wie wir in unserer Entwicklung weitergehen können – und dabei spielen Selbstreflexion, Achtsamkeit, Ego-Transzendenz, systemisches Denken und Meditation eine entscheidende Rolle.

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